Das machen Hunde doch auch so!

Das machen Hunde doch auch so!

Immer wieder hört man als Argument für richtige Hundeerziehung, Hunde würden es ja auch so und so machen. Automatisch wird davon ausgegangen, dass das, was Hunde untereinander machen und wie sie reagieren, a) richtig ist und b) funktioniert.

Meist wird damit vor allem Strafe begründet, also zum Beispiel zurückbeißen, Schimpfen etc. Noch nie habe ich aber gehört, dass man als Mensch wegrennen soll, wenn man nicht gebissen werden will. Vermischt wird hier jedesmal das emotionale: „ich lass mir doch nichts gefallen“ mit dem rationalen:  „das Tier soll bitte lernen, so zu reagieren, wie ich es für richtig halte“.

Nehmen wir ein typisches Beispiel: Zwei junge Hunde spielen miteinander. Der eine wird wilder und beginnt etwas doller auf dem anderen herumzukauen. Der andere findet das bald nicht mehr lustig.

Eine wunderbare Situation für kleine Hunde zu lernen. Überhaupt glaube ich ja, dass Welpen nur deshalb solch spitze Zähne haben, damit sie die Beisshemmung lernen.

Was macht der andere Hund, wenn es beginnt, ihm wehzutun?

Welpenspiel

a)      Er beginnt, sehr hoch zu quieken

Die Reaktion des anderen Hundes kann Schreck sein. „Huch, was war das denn?“ Das hindert ihn kurzzeitig daran auf dem anderen herumzukauen, er kommt etwas runter und das Spiel kann weitergehen. Passiert es häufiger, lernt der erste Hund entweder: „Ah, immer wenn ich so doll zubeiße, quiekt das so unheimlich. Damit das nicht passiert, muss ich nur weniger fest zubeißen.“ (=Beißhemmung = Beherrschung)

Oder er lernt: „Oh, das ist ja klasse. Immer wenn ich fest draufbeiße, quiekt das auch noch so lustig. Wie schön. Das versuche ich gleich nochmal!“ Also genau das Gegenteil von dem, was wir Menschen erreichen wollen.

è Ob es also sinnvoll ist, als Mensch laut hoch und erschreckend „Au“ zu rufen, hängt davon ab, ob unser Hund so etwas lustig findet oder nicht.

Oder:

b)      Der andere beißt sofort verärgert zurück

Die Reaktion des unbeherrschten Hundes kann nun ebenfalls Schreck sein. Perplex, dass der Hund, mit dem man eben so toll gespielt hat, beißt, bricht er das Spiel ab und ist verunsichert. Im besten Fall ist der zweite beruhigt und fordert ihn erneut zum Spiel auf. Dann wird der erste hoffentlich vorsichtiger wieder darauf eingehen bis es wieder zu wild wird. Wenn es gut läuft, versteht er, dass das Zurückbeißen nicht aus heiterem Himmel kam, sondern immer dann passiert, wenn er zu wild wird.

è Wenn man als Mensch das nachahmen will, müsste man ebenfalls in dem Moment, wo es einem wehtut „zurückbeißen“. Und danach sofort wieder zum Spiel auffordern, wenn der Hund aufgehört hat und überlegt, was das wohl war. Das Zurückbeißen darf wiederum auch nicht zu doll sein, dass der Hund selbst nicht mehr spielen will und sich verkriecht, weil sein Mensch ein böser Rotkäppchenwolf ist, der aus heiterem Himmel beißt.

Die Reaktion auf das Zurückbeißen kann aber auch absolute Entrüstung sein. „Was, du hast mich gebissen? Ich habe doch gar nichts gemacht. Gerade haben wir noch schön gespielt und jetzt beißt du mich? Was bist du denn für ein Blödmann?!“ Daraus wird dann schnell ein lautstarkes Gerangel, bei dem alle Welpenbesitzer Panik bekommen, dass ihr Hund nun getötet wird.

Das ist natürlich nicht der Fall (wenn alle beteiligten Hunde normal aufgewachsen und gesund sind). Aber entweder trennt man die beiden nun, wenn es zu wild wird. Oder man wartet bis sie fertig sind. Egal was, in beiden Fällen hat der anfangs zu unbeherrschte Hund mit großer Wahrscheinlichkeit nicht verstanden, warum der andere plötzlich gebissen hat. Schlimmer noch: es kann sein, dass beide jetzt so misstrauisch sind, dass sie nicht sofort wieder miteinander spielen wollen. Das bedeutet aber auch, dass der anfangs zu wilde Hund nicht gelernt hat, sich im Spiel zu beherrschen, weil er nicht verstanden hat, warum der andere zurückgebissen hat.

è Beißt also der Mensch in einer ähnlichen Situation zurück und der kleine Hund reagiert ebenso (weil es jetzt IHM wehgetan hat und er hoch aufgeregt ist), ist der Lerneffekt gleich Null und ein Teil Vertrauen in die Sicherheit des Spiels mit dem Menschen ist verschwunden.

Oder:

c)      Der andere Hund rennt weg

Ja, auch das passiert. Entweder sofort, wenn es ihm wehtut oder auch als Reaktion auf das heftige Weiterspiel, nachdem er versucht hat, zurückzubeißen, zu quieken etc.

Abstand ist schließlich eine sehr sinnvolle Angelegenheit, wenn man Schmerzen vermeiden will. Aber auch jetzt kann es verschiedene Reaktionen geben:

Der unbeherrschte Hund kann das total toll finden, dass nun ein Rennspiel beginnt. Der unbeherrschte Hund lernt also „Super, wenn ich fester zubeiße, dann beginnt ein Rennspiel“. Nicht so ganz, was man möchte, denn er lernt nicht, dass seine Unbeherrschtheit unerwünscht ist.

Oder der unbeherrschte Hund ist verwirrt, weil der andere plötzlich weg ist. Hier hat er die Chance, das mit seinem unbeherrschten Spiel zu verknüpfen. Am besten wieder, wenn der andere dann wiederkommt und weitergespielt werden kann.

è Als Mensch könnte man also verschwinden. Dann aber so, dass der Hund eben nicht hinterherkommt und ein Rennspiel daraus macht. Ein Kindergitter ist zum Beispiel super dafür. Wenn man Glück hat, findet der Hund das doof genug und kann es nach mehrmaligen Versuchen mit seiner Unbeherrschtheit verknüpfen.

Hat mein kein Kindergitter und man geht einfach ins andere Zimmer, kann es gut sein, dass der Hund wie oben hinterherrast, um die Beine rennt, in die Knöchel zwickt und sich immer mehr erregt.

 

Oder:

 

d)      Und dann gibt es noch Hunde, die das Spiel durch Erstarren unterbrechen. Sie bleiben also stocksteif stehen. Eventuell knurren sie noch.

Der kleine unbeherrschte Hund hat jetzt verschiedene Chancen. Wenn er das schon als Warnung gelernt hat und noch nicht zu überdreht ist, dann kann es sein, dass er erschrocken aufhört und beschwichtigt. Im besten Fall weiß er auch, warum. Aber oft lernt er das erst nach einigen Wiederholungen.

Im anderen Fall kennt er das noch nicht oder ist schon so aufgeputscht, dass er es nicht beachtet. Meist folgt danach b) Zurückbeißen. Und weil das kleine Tier schon so aufgeputscht ist, kommt als Reaktion eher wiederum ein Zurück-Zurückbeißen statt Beruhigung.

 

Wie man sieht, gibt es viele Varianten an Verhaltensweisen, die geschehen können und eine pauschale Aussage, dass nur dies oder jenes hilft, funktioniert mal wieder nicht. Wichtiger aber noch ist die Erkenntnis, dass andere Hunde nicht immer so reagieren, dass der Beißende etwas lernt. Das ist nämlich überhaupt nicht das Ziel des gebissenen Hundes. Der will nur in genau diesem Moment seine Haut retten und tut das, was ihn seine Erfahrung bisher gelehrt hat oder was seine Beine befehlen.

Im Gegensatz dazu will ein Hundebesitzer aber genau das: Der Hund soll lernen, sich auch in Zukunft zu beherrschen und er soll am besten lernen, ein Warnsignal wie „Es reicht!“ zu akzeptieren. Und genau deshalb ist es wichtig, so zu reagieren, dass die größte Chance besteht, dass der kleine Irrwisch die Reaktion des Menschen mit seinem Beißen verknüpft.

Welche Reaktion das am besten ist, muss dann wiederum der Mensch in verschiedenen Versuchen lernen. Aber angesichts der obigen Aufzählung müssen das keine hundert Versuche sein bis die richtige Reaktion für genau diesen Hund gefunden wird.

 

Insofern plädiere ich dafür das Übliche „Hunde untereinander machen das doch auch“ einfach mal beiseite zu wischen und das Vorderhirn anzustrengen. In der Regel wollen wir Menschen dem Hund was beibringen. Und das funktioniert nunmal dann am besten, wenn wir wissen was und warum der Hund etwas tut und womit und wie wir unseren Hund beeinflussen können.

Ob das dann eine Belohnung ist oder eine Strafe und in welcher Form diese kommen, hängen vom Hund und der Situation ab.

Ob nachher das rauskommt, was wir gerne hätten, hängt aber vor allem von unserem Timing ab und von der Möglichkeit für den Hund aus seinen Fehlern zu lernen.